Lernen & Literatur

Ein offener Brief an Lernvermittler und Lerner.*

Für Leser dieses Blogs ist es keine Neuigkeit: Ich verdiene einen Teil meines Vollkornbrots auch mit der Gestaltung klassischer Druckwerke. So habe ich momentan ein weiteres Buch der Reihe „Ein Leben lang lernen“ des geschätzten K2-Verlags vor mir, einem meiner langjährigen Kunden und eine wirklich gute Quelle hervorragender Schulmaterialien für alle, die Lernen nicht als Wissenseintrichtern begreifen.

Darin auch ein Interview mit Prof. Gerald Hüther, der klare Stellung zum Thema „frontales Lernen auf klassenweiter Schwierigkeitsstufe“ bezieht und eine Lanze zum Thema „aus Fehlern lernen“ bricht: Eigentlich lernen wir nur aus Fehlern.

Eine Gedanke, der gar nicht übergewürdigt werden kann. Leider, leider besteht Schulunterricht immer noch viel zu häufig aus dem Bloßstellen von Fehlern und dem Abwerten des Verursachers, statt jeden Irrtum als Chance zur Verbesserung zu begreifen.

Aus Gründen der Missverständnisvermeidung: Dies ist keine Pauschalisierung und kein Angriff auf Lehrer im Allgemeinen. Ich weiß, dass viele Lehrer sich als Lernunterstützer sehen, auf sanftere (und damit aus dem Standpunkt der Hirnforschung auf weitaus passendere) Lehrmethoden verlegen und mit ganzem Einsatz dran arbeiten, lebensneugierigen jungen Menschen den Weg zum selbstständig denkenden etwas älteren Menschen zu ebnen.

Als Vater eines mittlerweile erwachsenen Sohnes, der ganz zu Beginn schon die väterliche Weisheit auf den Schulweg bekam, dass Schulnoten i.d.R. etwas über die Lehrqualität aussagen, nicht über das Lernvermögen, kann ich aber zumindest die subjektive Meinung darstellen, dass dieser Weg von Methoden „der alten Schule“ gründlichst ruiniert werden kann. Und häufig werden die exzellenten Grundlagen der ersten Schuljahre, in denen gerne zu Montessori- und ähnlichen Prinzipien gegriffen wird, durch den Lehrplan der Mittel- und Oberstufenzeit ad absurdum geführt.

Nun gebe ich seit einigen Monaten meine kostenlosen Workshops, aber, um ehrlich zu sein, die Teilnehmerzahl könnte besser sein. Die Antworten der teilnehmenden Schüler auf die Frage nach dem Desinteresse ihrer Altersgenossen ähneln sich dann auch frappierend: Ihren Mitschülern ist, so der Tenor, das Interesse an Informatik geklaut worden. Durch den Informatikunterricht.

Jetzt wird’s wieder sehr subjektiv, und ich hoffe, dass ich auch wirklich nur einen kleinen Ausschnitt gesehen habe, denn dies als bundesweite Idee wär ein schauerlicher Gedanke: Ehrlich, Kultusminister? Ihr glaubt, dass HTML eine Programmiersprache zum Einstieg in die Informatik ist? Weil ja keiner ohne Internet auskommt, und man ja weiß, dass Browser HTML verwenden, lasst ihr Webseiten zum Einstieg in die Programmierung von Hand erstellen? Und wundert euch dann über angeblichen Fachkräftemangel?

Ich will hier keine Werbung machen – jeder kann sich ja denken, welche Programmiersprache ich zum Einstieg empfehlen würde –, aber: Wie wäre es denn, Programmierung mit einer solchen zu vermitteln? Von Anfang an statt von der Mitte her? HTML ist keine Programmiersprache, es ist eine Textauszeichnungssprache. Ohne sehr ins Detail zu gehen darüber, was der Browser eigentlich macht, wenn er HTML darstellen soll, wird damit keinerlei Programmierung vermittelt. Der Einstieg mit HTML ist viel zu spät im Wissensgebäude der Informatik. Stattdessen erzeugt er Frustration, die Erkenntnis, dass Informatik sauöde und kompliziert ist und eigentlich nur was für Nerds. Womit das Fach der Informationsverarbeitung sich trefflich in die musischen Fächer einreiht, in denen offenbar leider immer noch häufig von einer Grundbegabung ausgegangen wird. (Ja, und auch hier gibt es leuchtende Gegenbeispiele, keine Frage!)

Dabei eignet sich Programmierung – ab dem entsprechenden Alter, also bitte erst gründlichst die physische Welt erforschen! – so vortrefflich, um das Fehlertrauma auszumerzen. Habe ich einen Fehler programmiert, meldet mir das der Compiler – oder der Absturz. Das mag zeitweilig einmal frustrieren, motiviert aber zur Verbesserung. Selbst wenn man manchmal dumme Fehler zusammenschreibt: Ich kenne keinen Programmierer, der sich schlecht oder unzureichend fühlen würde, weil er keinen bugfreien Code produziert. Im Gegenteil: Der Programmcode wird mit jedem erkannten Fehler besser. Herausforderung statt Abwertung.

Daher mein dringender Appell an die Entscheider: Setzt euch zusammen und schaut, ob eure Lehrpläne zu einem Ergebnis führen, das sich sehen lassen kann. Im Fall von HTML als Einstieg in die Programmierung wurde, so mein Fazit, das Klassenziel meilenweit verfehlt. Die Digitalisierung der Klassenzimmer hilft nichts ohne eine Humanisierung der Wissensvermittlung. Und beim Hype „Informatik in die Grundschule“, der zurzeit grassiert, wird mir ganz flau im Magen.

Was doppelt tragisch ist, denn Informatik würde sich so hervorragend für den fächerübergreifenden Unterricht eignen. Satz des Pythagoras, trigonometrische Funktionen? Programmier ein Spiel – ohne Winkelberechnung kommt kein Action-Game aus. Und auf einmal sind die ganzen Formeln sinnvoll und kein unverständliches (oder auswendig gelerntes, aber nicht mit Leben gefülltes) Gekritzel mehr.

Musik macht nur mit Kopfhörer Spaß? Wie wär’s mit einem Kompositionsprogramm? Musik folgt mathematischen Regeln und landestypischen Konventionen. Die lassen sich in Formeln bringen …

Soziale Interaktionen beleuchten? Simuliere menschliches Verhalten!

Wer in dieser Aussage einen Widerspruch zu erkennen glaubt: Mein abschließender Buchtipp gehört nicht unbedingt zur Unterhaltungsliteratur. Trotzdem ist es sehr erfrischend, Grundbegriffe der Kybernetik einmal fundiert und grundlegend erklärt zu bekommen (und nicht Hype-Pseudo-Amtbezeichnungen wie „Cyber-Abwehrzentrum“ lesen zu müssen). Das gelingt Prof. Norbert Bischof in seinem mittlerweile in 3. Auflage vorliegenden Werk  „Struktur und Bedeutung“, das sich als Einführung in die Systemtheorie für Psychologen, Biologen und Sozialwissenschaftler empfiehlt – aber, ganz ehrlich, auch dem interessierten Laien Einblicke in fächerübergreifendes Denken vermittelt. Und – hier schließt sich der Kreis – die Beispielprogramme, die Buchkäufer zur Illustration der Mechanismen von der Site herunterladen können, sind Xojo-Programme.

In die Realität umgesetzte Absichtserklärungen wie diesen Rezensionsauszug würde ich aus obigem Rant heraus begründet gerne viel häufiger sehen:

Vor allem aber möchte das Lehrbuch nicht nur ein passives Verständnis der Systemtheorie, sondern die Kompetenz vermitteln, das erlernte Handwerkszeug auch aktiv zur Lösung anstehender Forschungsprobleme einzusetzen und überhaupt im neuen Medium kreativ zu denken.

Wenn ich mir etwas für kommende Generationen wünschen dürfte, dann doch dies – wobei „Systemtheorie“ gern durch jedes andere Fachgebiet ersetzt werden darf.

 


*  Da das Gegendere im Schulwesen so verbreitet ist: Ein Schüler, so wie auch, wenn als Individuum betrachtet, eine Schülerin, ist kein Lernender oder Studierender, bzw. nur phasenweise. (Nebenbei: Schon gemerkt, dass die Grundformen der Gender-Passivformen häufig auch identisch mit der männlichen Ausprägungsform sind?) Lernend ist man, während man lernt. Danach kann man immer noch Schüler oder Schülerin sein, was bestimmte Lebensumstände nahelegt. So wie Studenten (ja, und auch Studentinnen) durchaus über mehrere Jahre unter diese Kategorie fallen, studierend aber nur in dem Moment sind, da sie im Hörsaal oder mit der Nase nahe Buch oder Bildschirm sitzen. Verzeihung, das musste mal gesagt werden, nicht zuletzt wegen der Nähe zu obigem Buch …

4 Gedanken zu “Lernen & Literatur

  1. Der gedanke ist richtig und xojo wäre auch gut geeignet, aber leider fehlt es an (deutscher) literatur, support und ausbildung. Weshalb sich wohl kaum ein lehrer auf das experiment xojo einlässt, denn was soll er machen, wenn er nicht mehr weiterkommt und seinen schülern auch nicht helfen kann?

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    1. Sicher wär Xojo gut geeignet, und es hat in der Vergangenheit – allerdings nicht in Deutschland – schon landesweite Aktionen gegeben, in denen Xojo erfolgreich für den Schulunterricht eingesetzt wurde.

      Informations- und Lehrmaterial ließe sich erstellen, aber das war alles gar nicht mein Punkt: Man sollte Programmieren vermitteln, und zwar von Anfang an, nicht HTML-coden. Das ist für den Einstieg mehr als gruselig. Im Kern findet man die gleichen Strukturen bei allen Programmiersprachen: Schleifen, Bedingungen, und natürlich das gleiche grundlegende Verhalten der Computerbestandteile.

      Sicherlich sollte man hier eine einfach zu lernende Programmiersprache für den Einstieg bevorzugen. Das ist in meinen Augen aber sekundär. Erst mal gälte es, den Unterricht vom Kopf auf die Füße zu bringen. So wie momentan beobachtet ist ein guter Einstieg in die Konzepte der Programmierung zum Scheitern verurteilt – meiner Meinung nach. Weshalb ich die immer wieder gehypeten Überlegungen der digitalisierten Klassenzimmer für rausgeworfenes Geld halte. Da fehlt es – zumindest in der Mehrzahl der Schulen – erst recht am Fachpersonal, das die teuren Geräte auch sinnvoll einsetzen kann. Erst mal muss die Freude am Lernen aufrechterhalten werden, nicht ruiniert.

      Die bisherige Erfahrung mit meinen Schülern hat mir gezeigt, dass der Unterbau häufig leider völlig weggelassen wird. Ich habe schon des öfteren Aufleuchten in den Augen beobachten können, wenn das Begreifen einsetzt, *was* man beim Programmieren überhaupt macht – bei so grundlegenden Dingen wie „Was ist ein Datentyp?“ und „Wie verarbeitet der Computer die Informationen?“ Dazu braucht’s keine neuen Unterlagen, wohl aber andere Rahmenpläne. Und, in der Tat, gut ausgebildete Lehrer, die selbst programmieren können. Was dann wiederum mit den knappen Etats, der Unterausstattung der Schulen mit Lehrern und häufiger Überforderung dieser zu tun hat – aber, wie ich gerne klugscheiße: In einem komplexen System wie dem Leben gibt es nie monokausale Ursachen – es ist immer ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Die Frage ist nur, welche Prioritäten man setzt. Gerade in der Bildung und Erziehung wird jeder gesparte Cent am Ende tausendfach in die Beseitigung der entstandenen Probleme investiert werden müssen.

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  2. Hallo Ulrich, meine Erfahrungen aus zehn Jahren Aus- und Weiterbildung (die allerdings schon einige Zeit zurückliegen) sind völlig andere. Ich habe in den 90ern bspw. u. a. EDV-Grundlagen (ja, so hieß das damals noch), MS DOS und Textverarbeitung unterrichtet. Allerdings nicht in damals üblicher, sondern umgekehrter Reihenfolge. Also erst mit der Textverarbeitung einen Brief schreiben lassen, was für schnelle Erfolgserlebnisse und Nutzen-Erkenntnis sorgte, dann die so erzeugten Dateien(!) mit DOS-Befehlen von der Festplatte auf Disketten kopieren lassen und zuletzt ein paar technische Hintergründe dazu erläutert, was sehr viel leichter fällt, wenn die Leute bspw. schon wissen, was eine Datei ist, weil sie ja schon selbst welche erzeugt haben (incl. Bits und Bytes).

    Okay, die Themen mag man heute belächeln, aber sie dienen ja nur der beispielhaften Veranschaulichung einer didaktische Vorgehensweise, die sich im Grundsatz auch auf andere Themen übertragen ließe. Zumal es hier ja nicht um Spezialisten geht, sondern um Allgemeinbildung. Und Motivation ist nichts, was sich aus einer theoretisch sinnvoll erscheinenden Chronologie ableiten lässt (1. Grundlagen; 2. MS DOS; 3. Textverarbeitung).

    Von daher finde ich die Idee, mit etwas Einfachem, Lebendigem und Allgegenwärtigen wie HTML anzufangen, gar nicht so verkehrt. Natürlich wirklich nur als Einstieg in das Thema Programmierung, danach muss sicher mehr kommen, klar. Aber letztlich ist jedes Entwicklungswerkzeug nur Mittel zum Zweck. Und je schneller den Lernenden dieser Zweck klar wird, desto stärker wird ihr Interesse und ihre Motivation sein. Deshalb würde ich heute wie damals das Ergebnis, die Lösung in den Vordergrund stellen und ihm alles andere unterordnen. Auch und erst recht die theoretischen Grundlagen, denn auch die haben ja keinen Selbstzweck.

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  3. Lieber Axel,
    im Prinzip gebe ich dir völlig recht. Unterricht muss praxisnah und motivierend sein. Leider ist er das heute in den meisten Fällen – lange nicht nur in Informatik – nicht. Wenn das Resultat des Informatikunterrichts die Erkenntnis ist, dass das ganze eine öde, uninteressante Angelegenheit ist, dann läuft etwas grundlegend falsch.

    Ich hatte das Glück, in vielen Bereichen Autodidakt zu sein, oder gute Lehrer zu finden, die jenseits des Lehrplans Faszination für das Thema entfachen (oder wiedererwecken) konnten. Wenn heute 40% der Schüler Angst vor der Schule haben (Zitat des Neurobiologen Gerald Hüther, nicht meines), dann muss man sich der eigentlichen Absichten besinnen, nicht blindlings weitermachen.

    Aus den Gesprächen mit meinen Schülern habe ich die Erfahrung gesammelt, dass der Einstieg mit HTML vergrault, nicht anregt. Ich konnte nicht erfahren, ob danach etwas kommt. Die meisten sind bis dahin schon heruntergefallen. Und, wie gesagt, Informatik ist da kein Einzelfall. Wie viele beenden die Schullaufbahn und sind sich ihres Potenzials bewusst – und wie viele dagegen haben die Erkenntnis, dass bestimmte Fächer „doof“ sind?

    Es hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten viel gewandelt, das wenigste davon zum Besseren. Mein Blog hier ist ein Programmier-Blog, deshalb will ich nicht zu weit ausholen. Aber, ganz unter uns in dieser Öffentlichkeit: Wenn schon zwanghaft Noten angehoben werden, nur damit man im Pisa-Vergleich nicht zu sehr absackt, ja, dann sollte man besser realisieren, dass der eingeschlagene Weg nicht funktioniert.

    Ein wichtiger Bestandteil des Wissens ist die Erkenntnis darüber, was man tut. Die Schüler, die zu mir finden, sind ja die, die noch nicht völlig abgeschreckt vom Thema sind. Wenn ich dann feststelle, dass sie nach Jahren des Informatikunterrichts aber gar nicht wissen, was sie eigentlich tun: Das erschreckt mich. Es geht mir wohlgemerkt nicht darum, Xojo als unbedingtes Lernwerkzeug zu propagieren – obwohl es in der Tat dafür sehr geeignet ist. Vielmehr wollte ich sagen: Schaut euch die Resultate des jetzigen Wegs an! Wenn es nicht selbstständige, interessierte junge oder auch ältere Menschen sind, die ihre Neugier und ihren Wissensdurst bewahrt haben: Um Gottes Willen, ändert eure Methoden! Das sind wir der Zukunft und unseren Kindern schuldig.

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