Evolution statt Untergang: Eine kleine Geschichte der Programmierwerkzeuge

Dies ist eine Übersetzung eines Beitrags von Geoff Perlman aus dem Xojo-Blog (also dem von Xojo, nicht diesem hier). „Ich“ oder „wir“ in diesem Text ist daher ausnahmsweise als Xojo (oder eben Geoff) zu lesen, nicht als meine Wenigkeit.

1998 war Steve Jobs der temporäre Geschäftsführer von Apple, und das kleine i bekam eine neue Aufgabe: Der iCEO – i für interim – war geboren und versuchte, das schwer angeschlagene Schiff Apple vor dem Untergang zu bewahren. Eine herkulische Aufgabe, wie das Zitat von Dell-Geschäftsführer Michael Dell aus dem Vorjahr auf die Frage, was er tun würde, sollte er Apple leiten, belegt: „Ich würde die Firma schließen und das Geld den Aktionären zurückgeben.“

Der Marktanteil des Macs bewegte sich im einstelligen Prozentbereich. Dafür eine Entwicklungsumgebung zu programmieren, unabhängig von Apple oder anderen Betriebssystementwicklern, wäre allgemein als wirtschaftlicher Kardinalfehler angesehen worden. Zumal es schon zahlreiche Tools von großen Unternehmen gab: von Apple selbst MPW (den Macintosh Programmer’s Workshop), von Symantec THINK C. Metrowerks hatte CodeWarrior veröffentlicht, IBM VisualAge und Macromedia Flash. Wollte man plattformübergreifend entwickeln, griff man zur Standardlösung: SUN Microsystems Java, angekündigt als die plattformübergreifende Sprache schlechthin. Java, so hieß es, würde bald auf sämtlichen Geräten laufen, von Computern über Autos bis zum Dosenöffner. Java war die sichere Wahl. Nur etwa 5% der Computerbenutzer programmierten auch. Mal ehrlich: Wer sollte so verrückt sein, sich mit einem eigenen Entwicklungssystem in dieses von Giganten dominierte Feld zu begeben?

Wir waren es.

Am 4. Juli desselben Jahres, in einem winzigen Kabuff auf der MacWorld Expo, stellten die vier von uns, die die kleine Firma repräsentierten, die heute Xojo ist, Version 1.0 eines neuen Entwicklungssystems vor, das nur ein Feature besaß: es durchschnittlichen Anwendern zu ermöglichen, Programme für den Mac zu schreiben. Wir erlebten keinen Raketenstart, aber das störte uns nicht. Wir glaubten an das, was wir machten. Wir glaubten, dass wir an etwas arbeiteten, womit durchschnittliche Anwender außergewöhnliche Dinge tun konnten.

Die besten Umsätze machten wir an den Wochenenden. Das zeigte uns, dass die anfänglichen Benutzer unseres Tools in erster Linie Amateure waren, die Programmieren als Hobby begriffen. Im Laufe der folgenden Jahre verlagerte sich die Statistik zu den Werktagen hin. Ein klares Zeichen, dass berufliche Einsatzzwecke dahinterstanden. Nach und nach erschienen kommerzielle Anwendungen, die mit unserem Werkzeug programmiert wurden. Mit dem Wachstum unserer Anwenderschaft erreichte uns von potenziellen Anwendern dann auch wiederholt die obligatorische Frage nach dem Softwaretod: „Was passiert, wenn ihr Jungs die Firma schließt?“

So wenig ich die Frage mochte: Sie war seinerzeit sehr berechtigt, und es gab keine tolle Antwort darauf. Alle Fragesteller erwähnten die anderen Entwicklerwerkzeuge mit dem Hinweis, es sei wohl sicherer, eines von diesen zu wählen. Natürlich wäre die Entwicklungszeit damit länger. Sollten wir allerdings überleben, würde sich die vermeintlich „sichere“ Wahl am Ende als eher teure Versicherungspolice herausstellen.

Natürlich ist die Frage nach dem Softwaretod grundsätzlich eine durchaus berechtigte. Mittlerweile allerdings haben wir Xojo seit gut 19 Jahren kontinuierlich gepflegt und weiterentwickelt. In dieser Zeit wurde aus einem Entwicklungswerkzeug, mit dem man ausschließlich Mac-Anwendungen für System 7 auf 68000er oder PowerPC-Prozessoren erzeugen konnte, eines, das ein völlig neues macOS unterstützt, verschiedene Windows- und Linux-Versionen, Kommandozeilenanwendungen, Web-Apps, iOS, den Raspberry Pi und dementsprechend sowohl X86- als auch ARM-Prozessoren. Das Framework wurde unter der Haube zahlreiche Male an die neuen Gegebenheiten angepasst; in der Regel ohne dass der Anwender dies bemerkte. Wir stehen gerade vor dem endgültigen Release eines neuen Frameworks, das die Aufgaben des alten übernehmen kann, aber einige wichtige Modernisierungen beinhaltet, die häufig auftretende Schwierigkeiten, mit denen sich der Anwender konfrontiert sieht, eliminiert. Es ist viel konsistenter und benutzt mehr Betriebssystemfeatures, wodurch entwickelte Anwendungen automatisch die aktuellen Bibliotheken für z.B. HTTP, SSL und anderes verwenden. Das Xojo-Framework erlaubt es, ältere Projekte punktuell an den entscheidenden Stellen zu modernisieren. Ein Evolutionsprozess statt einer monumentalen Umstellung.

Ulrich's Copy of Ltd History of Dev Tools Info Graphic-2

Einen Teil des Erfolgs verdankt Xojo mit Sicherheit nicht nur seiner beständigen Fortentwicklung, sondern dem Umstand, dass diejenigen, die die Vision eines einfach zu bedienenden Entwicklungssystems anfänglich in die Realität umsetzten, es weiterhin füttern, es wachsen lassen und es modern halten. Weitere Unterstützer sind auf diesem Weg dazugekommen, doch es liegt auch enormer Wert in einer lebendig gehaltenen Ursprungsvision.

Was ist aus den anderen Tools geworden, die 1998 die „sichere Wahl“ darstellten?

  • Visual Basic 6 ist tot und wurde durch Visual Basic.NET ersetzt, das so grundlegend anders aufgebaut ist, dass ihm von vielen VB6-Anwendern der Titel „Visual Fred“ verliehen wurde.
  • Macintosh Programmer’s Workshop ist vor langer Zeit verschieden.
  • Symantec THINK C ist tot.
  • Metrowerks CodeWarrior wurde von Motorola aufgekauft und konzentriert sich nun ausschließlich auf den Markt für eingebettete Systeme.
  • Borland Delphi existiert noch, wurde aber an eine andere Firma verkauft und ist heute eine sehr teure Lösung.
  • IBM hat die Entwicklung von VisualAge eingestellt.
  • Java ist natürlich nach wie vor am Leben. Nur wenige benutzen es für Desktop-Anwendungen, weil sich im Laufe der Zeit herausstellte, dass es dafür doch keine so gute Wahl war – wohl aber für serverseitige Apps. Aber auch Java befindet sich nicht mehr in den Händen der Original-Visionäre; SUN Microsystems wurde 2009 von Oracle gekauft.
  • Flash wurde von Adobe erworben. Es existiert noch, aber seine Tage sind ganz klar gezählt.

Wer sich 1998 entschieden hat, seine Anwendung in Xojo (damals REALbasic) zu entwickeln, konnte sie seitdem kontinuierlich weiterentwickeln – nicht nur für macOS, sondern für viele andere Betriebssysteme und Plattformen. 19 Jahre nach jener MacWorld Expo sind wir immer noch hier und halten an unserer ursprünglichen Version fest, damit du dich voll und ganz auf das konzentrieren kannst, was Aufgabe des Entwicklers ist: eine einzigartige Anwendung zu erschaffen.

Während die Frage danach, was man tun sollte, wenn das Tool seiner Wahl eingestellt oder nicht mehr ordentlich gepflegt wird, immer relevant bleiben wird, glaube ich, dass wir heute behaupten können, dass Xojo diese Prüfung der Zeitläufte bestanden hat. Und nicht nur das: Wir haben uns ein ganzes Stückchen besser geschlagen als die meisten unserer Mitbewerber, die um ein Mehrfaches größer sind als wir.

Niemand kann eine Garantie dafür abgeben, dass ein Produkt immer da sein wird. Selbst Open Source-Projekte überleben nur so lange, wie sie von Interessierten unter Einsatz ihrer Zeit und Energie weitergeführt werden. Wie einer unserer Ingenieure einmal sagte: „Source Forge ist ein Friedhof der Leichen von Open Source-Projekten.“

Wo wir gerade bei den Ingenieuren sind: Diejenigen, die hinter der Weiterentwicklung von Xojo stehen, sind außerordentlich talentiert und hingebungsvoll. Unsere jährliche Mitarbeiterfluktuation (die Rate, mit der Mitarbeiter hinzukommen oder von uns weggehen) liegt bei nur 5%, was uns im Spitzenfeld der Beständigkeit in unserer Branche positioniert. Das ist kein glücklicher Zufall, sondern Ergebnis sorgfältiger Planung. Im Laufe der Zeit haben wir gelernt, in erster Linie Mitarbeiter aus dem Kreis der Anwender zu rekrutieren. Tatsächlich besteht fast das ganze Team heute aus ehemaligen Xojo-Benutzern. Die wenigen anderen sind durchschnittlich seit 12einhalb Jahren dabei. In einer Branche, in der das Personalkarussell mit enormer Geschwindigkeit rotiert, macht mich diese Tatsache ungeheuer stolz.

Es ist also weiterhin unser Privileg, Xojo für dich weiterzuentwickeln, damit ein stückweit auch Teil deiner Visionen zu sein, und wir freuen uns, dich als Teil der Xojo-Community dabeizuhaben. Unser nächstes Familientreffen wird vom 25. bis 27. April in Denver, Colorado stattfinden. Wir hoffen, dich dort zu sehen.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: