Neu ist das neue Alt

Gestern hat die XDC begonnen, die Xojo-Entwicklerkonferenz, diesmal in Denver, Colorado. Die ausverkaufte Veranstaltung zieht natürlich auch das Interesse der ferngebliebenen Xojo-Entwickler auf sich, und um deren Neugier nicht ungesund anschwellen zu lassen, gab es einen Live-Ticker im Forum, der ein wenig Apple-Keynote-Nostalgie aufkommen ließ. Hier übersetzte Auszüge daraus:

Xojo-Roadmap

Nachvollziehbare Strategieänderung: Ein genauer Fahrplan geplanter Neuerungen wird nicht mehr veröffentlicht. Nachdem die Termine im letzten Jahr durch wichtige Anpassungen an Systemänderungen kräftigst durcheinandergewirbelt wurden – und es ja, wie jeder Programmierer weiß, eh immer länger dauert, selbst wenn man einkalkuliert, dass es länger dauert –, möchte Xojo zwar keine Termine mehr veröffentlichen, die Anwenderschaft aber trotzdem nicht im Unklaren darüber lassen, wohin die Reise geht.

Deshalb gibt es ab sofort zwei Auszeichnungen für neue Features: „Wichtig“ und „Priorität“. Ersteres Label erhalten alle Projekte, die in nicht allzu ferner Zukunft umgesetzt werden sollen, und mit Priorität werden die bedacht, an denen man schon arbeitet – oder so gut wie dran ist.

Also: Was steht denn oben auf der Liste?

Android

Das Mobil-Betriebssystem mit dem kleinen Roboter muss man eigentlich zusammen mit einem weiteren Punkt nennen: Android wird die erste Xojo-Plattform, die in Xojo mit Interops aufgebaut wird. Mehr als Dreiviertel der Android-API sind jetzt intern abgedeckt. Damit ein Release einer Android-unterstützenden Xojo-Version nicht mehr so lange auf sich warten lässt, hat Xojo-Ingenieur Joe Ranieri Stubenarrest bekommen, durfte nicht mit auf die XDC und verbringt die Zeit mit Programmierung. Eine kleine Demo zeigte, dass Android für Xojo grundsätzlich schon existiert.

Fraglich ist zurzeit, ob die IDE unter Linux zur Android-Entwicklung taugen wird. Aktuell bedingt die Entwicklung Windows oder macOS.

Interops

sind dementsprechend auch schon weit. Diese kann man sich wie vordefinierte Declares vorstellen: Man benutzt einfach Betriebssystemfunktionen durch ihren Namen und verwendet dabei Xojo-Datentypen. Unter Android seht das z.B. so aus:

Dim myURL As New URL("http://www.android.com")
Dim myURLConnection As HTTPURLConnection = myURL.OpenConnection

Interops werden zunächst in Android Einzug halten, dann in iOS und später macOS. Für Windows bleiben sie aufgrund der Struktur der Windows-APIs fragwürdig.

API 2.0

Android und Interops wird gemein sein, dass sie die alten Datentypen verwenden, aber mit neuen Features. Der persönliche Paukenschlag für mich: Das „neue“ Xojo-Framework gehört zum alten Eisen. Viele Anwender mochten sich nie so recht mit Text, Auto und den neuen Klassen anfreunden; auf die stringente Punktnotation wurde eher mit Fremdeln reagiert, und nicht zu Unrecht wurde die Frage gestellt, wie RADig denn Xojo sei, wenn man Code nicht problemlos vom Desktop auf iOS transportieren könne. Dort ist das Xojo-Framework ja Pflicht, während es andernorts immer noch auf vollständige Integration warten muss.

Ergo alles auf Anfang: Die Verbesserungen werden in die alten Klassen übertragen und bieten da zusammen mit alternativen Control-Features die API 2.0. Entwickler können so ganz nach Wunsch und Belieben ihre Projekte aktualisieren, iOS wird String und Kollegen verstehen, und wer im Hinblick auf die Zukunftstauglichkeit seine Projekte schon aufs Xojo-Framework umgestellt hat, kann dies auch noch auf lange Zeit weiternutzen, erhält aber mehr Warnhinweise vom Compiler über die Verwendung abgekündigter Features. Oder man krempelt die Ärmel hoch und baut alles wieder um. Am Ende soll eine Sprache stehen, die ohne Namespaces auskommt, deren Indizes überall mit 0 beginnen und die auf jeder Plattform identisch ist. Xojo-CEO Geoff Perlman hat schon oft bewiesen, dass ihm Anwendermeinungen nicht egal sind. Setzen wir einen weiteren Strich in diese Liste.

Web 2.0

Das Xojo-Web-Framework wurde 2009 entworfen. In Computerzyklen also irgendwo zwischen Bronzezeit und Frühgotik. Viele heute üblichen Browsertechnologien steckten noch in den Kinderschuhen, wenn sie denn überhaupt schon in der Planung waren, und so war das Web-Framework eine geniale Idee: Die Metaphern einer Desktop-Anwendung in eine Server-Applikation übertragen ließen extrem leistungsfähige Apps zu, ohne dass man zunächst zwei Jahre HTML, CSS und andere Technologien und Sprachen lernen musste.

Heute sind die Browser selbst leistungsfähige Programmierumgebungen, und die Verbreitung von Mobilplattformen machen flexible Layouts nötig. Das seinerzeit so innovative Web-Framework sieht also eher alt aus.

Weshalb dann auch mit Hochdruck an Web 2.0 gearbeitet wird. Ein paar Stichpunkte:

  • HTTP 1.1-kompatibel
  • DOM-Verarbeitung im Browser, nicht mehr auf dem Server
  • schnellere Antwortzeiten
  • viele neue Controls mit BootStrap und FuelUX
  • jQuery-basiert
  • alternativ zum festen auch Auto-Layout und Container-basiertes fließendes Layout
  • Browserinterne Überwachung der Serververbindung. Warnhinweise bei gestörten Verbindungen z.B. sind damit möglich
  • Sessionübergreifende Steuerelemente

und vieles, vieles mehr. Bob Keeney hat vieles zusammengetragen.

Die Umstellung alter Projekte wird in den meisten Fällen nur wenige Änderungen benötigen, aber es gibt dann kein Zurück mehr. Web 2.0-nutzende Projekte können nicht mehr mit älteren Xojo-Versionen geöffnet werden.

Neue IDE

Diesmal gab es eine Live-Demo der neuen IDE zu sehen, die auch mit Priorität vorangetrieben wird. Der Navigator ist nicht mehr. Seinen Platz nimmt die Toolbar ein. Stattdessen hat jeder Tab einen Home-Button, und der Workflow erinnert stellenweise mehr an RealStudio-Zeiten.

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Nicht die neue IDE, sondern ein heute von Geoff Perlman veröffentlichter CrossBasic-Screenshot.

Xojo-Plugins in Xojo

Dieses von mir heißersehnte Feature, eigene Plugins mit eigener GUI in Xojo schreiben zu können, ist leider etwas zurückgestellt worden. Es ist Xojo nach wie vor wichtig, aber die obigen Punkte genießen zurzeit Priorität.

Also: Daumen drücken, dass die Entwicklung gut voranschreitet. Bei der MBS-Xojo-Konferenz im Herbst (und in München) sollte schon einiges realisiert sein.

Eine Zusammenfassung mit Bildern gibt es auch im Xojo-Blog.

 

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